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Friedensbildung an Schulen mit Ganztagsangeboten

Aktualisiert: 13. Jan. 2023

Von Nele Marlies Link


„Da Kriege im Geist der Menschen entstehen, muss auch der Frieden im Geist der Menschen verankert werden.” So die UNESCO in der Präambel ihrer Verfassung (2001). Der folgende Beitrag beschäftigt sich damit, wie man an Schulen mit Ganztagsangeboten diesem großen Auftrag ein stückweit gerecht werden kann.


WAS IST FRIEDENSBILDUNG?

Frieden bedeutet nicht nur die Abwesenheit von Krieg. Vielmehr umfasst dieser Begriff eine vollständige Gewaltfreiheit, sowohl kulturell als auch strukturell und personell, und umfassende Gerechtigkeit und Freiheit. Friedenspädagogik ist allerdings nicht als Instrument der Friedenspolitik zu verstehen. Die Erziehung muss nach eigenen Lösungen suchen, wie der Wunsch nach und die Fähigkeit zum Frieden gelehrt werden können (vgl. Duncker, 1988, S. 7). Friedensbildung verfolgt daher das Ziel, die Friedensethik in Schule und Jugendarbeit zu stärken und Formen der gewaltfreien Konfliktbearbeitung zu vermitteln (vgl. Evangelisch-Lutherische Landeskirche Sachsen, 2013, S. 3).

Ziele und Inhalte der Friedenspädagogik umfassen:

  • friedensrelevante Vorgänge und Strukturen durch erhöhten Informationsstand transparent machen

  • kritische Rationalität bei der Meinungsbildung erhöhen

  • Motivationen und Interessenlagen von Konfliktpartner*innen erkennen

  • Stereotypen und Vorurteile abbauen

  • Konfliktfähigkeit erwerben und Methoden friedensfördernder Konfliktaustragung einüben

  • Engagement in der praktischen Arbeit für den Frieden fördern (vgl. ebd., S. 5)

FRIEDENSBILDUNG – EINE AUFGABE DER SCHULE?

Das Sächsische Schulgesetz weist im Rahmen des Erziehungs- und Bildungsauftrages in §1 (3) auf Frieden als zu vermittelnden Wert hin, um zur Entfaltung der Persönlichkeit und Gesellschaft beizutragen (vgl. SächsSchulG, 2018). Nach Humboldt ist Allgemeinbildung nur dann gegeben, wenn sie allen Schüler*innen unabhängig von Herkunft und gesellschaftlich bedingten Ungleichheiten den „Anspruch auf Entfaltung der Selbstbestimmungs-, Mitbestimmungs- und Solidaritätsfähigkeit […] zukommen lässt“ (Duncker, 1988, S. 20). Von jungen Menschen wird häufig verlangt, dass sie ein demokratisches Verständnis und Verhalten entwickeln und gleichzeitig Konflikte innerhalb ihrer Peers friedlich und im Konsens lösen. Da sie einen Großteil ihres Alltags in der Schule mit Ganztagsangeboten verbringen, kann diese sie bei der Erfüllung dieser Anforderungen unterstützen, indem sie ihnen die nötigen Kompetenzen vermittelt (vgl. Evangelisch-Lutherische Landeskirche Sachsen, 2013, S. 3).

Die Themen Krieg und Frieden sind zudem aktueller denn je. Auch für Kinder und Jugendliche ist der Angriffskrieg Russlands in der Ukraine allgegenwärtig und es ist wichtig, dass darüber gesprochen wird, denn die (sozialen) Medien bieten ihnen eine unzuverlässige, ungefilterte Informationsquelle. Laut einer Umfrage des Internationalem Zentralinstituts für das Jugend- und Bildungsfernsehen (IZI) informieren sich acht von zehn der befragten Jugendlichen bei den Eltern, im Fernsehen und auf den Internetseiten großer Tageszeitungen und neun von zehn Jugendlichen sind besorgt oder ängstlich über die aktuelle Situation (vgl. Bayerischer Rundfunk, 2022). Zudem gehören Gewaltdarstellungen häufig zum medialen Alltag von Kindern und Jugendlichen und werden diesen als Unterhaltung dargeboten (vgl. Heck & Schurig, 1991). „57% der Jugendlichen geben an, sich bereits einmal brutale Videos angeschaut zu haben“ (Bernath et al., 2020, S. 56). Die Schule kann ein Ort sein, an dem Ängste besprochen und aufgefangen und Unklarheiten geklärt werden können (vgl. Rieber zit. n. Werkstatt.bpb.de, 2022).

Abb. 1: Wovor Jugendliche Angst haben, eigene Darstellung nach Bayerischer Rundfunk (2022).


KANN MAN FRIEDEN LEHREN?

„Die Friedenserziehung ist in der schwierigen Situation, auf ein Ziel hin erziehen zu müssen, dass es in der gesellschaftlichen und politischen Realität noch nicht gibt.“ (Nicklas & Ostermann, 1976)

Welche Mittel hat die Pädagogik, zum Frieden zu erziehen? Sie kann über ihn informieren, aber sie kann ihn vor allen Dingen vorleben. Indem Schüler*innen die nötigen Kompetenzen vermittelt werden, friedlich und respektvoll zu kommunizieren, wird ihnen in der Schule Friedfertigkeit vorgelebt, welche sie außerschulisch zur Anwendung bringen können.

Dabei ist es wichtig, dass die friedensvermittelnden Inhalte mit den Methoden übereinstimmen. Ein offener, respektvoller und direkter Umgang sowie eine offene Schulkultur sind hierzu der Schlüssel. Auch Lehrkräfte müssen dafür ihren Schüler*innen möglichst auf Augenhöhe begegnen um symmetrische Beziehungsstrukturen zu schaffen, welche für gerechte Konflikte nötig sind (vgl. Heck & Schurig, 1991; Duncker, 1988). Das heißt, Meinungen anderer müssen gehört und ernst genommen werden und Diffamierungen sind zu vermeiden.

Im Rahmen des Schulunterrichts kann regelmäßig über aktuelle Ereignisse gesprochen werden. In der Sekundarstufe II des sächsischen Gymnasiums behandeln die Schüler*innen die Themeneinheit ‚Herausforderung Frieden‘ im Geschichtsunterricht, in welchem Ursachen für große Kriege der Weltgeschichte besprochen und gewaltfreie Lösungen reflektiert werden.(vgl. SMK, 2019). Allerdings betrifft Friedensbildung nicht nur den Geschichts- oder Religions-/Ethikunterricht, sondern kann und muss fächerübergreifend vermittelt werden. Themen wie Toleranz und Gerechtigkeit sollten regelmäßig aufgegriffen werden, auch z.B. in Form von Informationsveranstaltungen oder Projektwochen. Dafür bieten Schulen mit Ganztagsangeboten besonders viel Raum und Zeit.


UMSETZUNGSMÖGLICHKEITEN IM GANZTAG

Der Ganztag bietet durch sein Mehr an Zeit und die unterrichtsergänzenden Angebote zahlreiche Möglichkeiten, das Thema Friedensbildung zu integrieren.

  • Training gewaltloser Konfliktbewältigung und Lösungsstrategien

Dazu können z.B. freiwillige Schüler*innen zu Streitschlichter*innen ausgebildet werden. Um ein respektvolles, friedliches Miteinander zu fördern, können diese, z.B. auf Grundlage der Gewaltfreien Kommunikation nach Rosenberg (vgl. Rosenberg et al., 2016), anderen Jugendlichen dabei helfen, Konflikte konsensorientiert zu lösen.

  • Informationsveranstaltungen, Projekttage, Workshops

In diesen können aktuelle politische Themen erforscht und reflektiert, aber auch ein friedfertiger Umgang vermittelt und trainiert werden. Dabei ist viel Zeit, sich intensiv mit diesen Themen auseinanderzusetzen. Es können Expert*innen eingeladen werden, z.B. Zeitzeug*innen aus Kriegen, Soldat*innen, Vertreter*innen von Friedensorganisationen oder Menschenrechtsorganisationen, Geflüchtete oder auch Pastoren. Themenschwerpunkte können z.B. sein: Rolle der Bundeswehr, Demokratie, Häusliche Gewalt/Jugendgewalt, Kriegsdienstverweigerung, Flucht, Rechtsextremismus etc.

  • Kurse der Berghof Foundation

Die Berghof Foundation ist eine weltweite tätige, seit 50 Jahren existierende Organisation, die sich mit gewaltfreier Konfliktlösung, Herstellung von Dialog, Friedensmediation, Verhandlungstechniken und Ansätzen zur Friedenserziehung, aber auch mit Themen wie Gender, Inklusion und Digitalisierung beschäftigt. Es werden Projekte und Kurse sowie Trainings angeboten (vgl. Berghof Foundation).

  • „FRIEDEN FRAGEN – Gemeinsam Frieden erleben“

Die Website https://www.frieden-fragen.de/ ist ein Projekt der Berghof Foundation. Dort werden kindgerecht und ehrlich zentrale Fragen beantwortet, die Kinder und Jugendliche zu Themen wie Frieden, Krieg, Zusammenleben und Menschenrechten selbst stellen können. Ergänzt wird dies durch Geschichten, Bild- und Videomaterial.

  • Exkursionen zu besonderen (außerschulischen) Lernorten

Solche können Kriegsdenkmäler, Gedenkstätten, Mahnmale und Friedenskirchen sein. Dabei können Vergangenheitsbewältigung und Denkmalpflege betrieben werden.

  • Wöchentlich stattfindendes Ganztagsangebot zum Thema Friedensengagement

Dies soll auch das außerschulische Engagement der Jugendlichen fördern. Dazu kann zum Beispiel mit Friedensorganisationen Hand in Hand zusammengearbeitet werden.


Ø Politische Plan- oder Simulationsspiele

Dabei können Schüler*innen handlungsorientiert Politik am eigenen Leib erfahren und sich somit besser in politische Konflikte und deren (friedliche) Lösung hineindenken sowie komplexe Zusammenhänge tiefer verstehen. Anregungen dazu siehe weitere Literaturhinweise.

  • Sozialarbeiter*innen an Schulen als Ansprechpartner*innen bei Gewalterfahrungen

  • Organisation von Spendensammlungen

z.B. an Friedensorganisationen, Geflüchtete/Kriegsopfer, Kriegsgebiete


WEITERE LITERATURHINWEISE UND ANSPRECHPARTNER*INNEN IN SACHSEN


LITERATURVERZEICHNIS


Bayerischer Rundfunk (2022): Der Krieg in der Ukraine: Ängste und Informationsbedürfnisse von Jugendlichen. URL: https://www.br-online.de/jugend/izi/deutsch/presse/Pressemitteilungen/PM_Jugendliche_und_der_Konflikt_in_der_Ukraine.pdf (Zugegriffen am 09.01.2023).


Berghof Foundation (Hrsg.) (o.D.): Kinderportal Frieden-fragen.de. URL: https://berghof-foundation.org/work/projects/frieden-fragen-de (Zugegriffen am 09.01.2023).


Berghof Foundation (Hrsg.) (o.D.): Our courses and trainings. URL: https://berghof-foundation.org/work/projects/courses (Zugegriffen am 09.01.2023).


Berghof Foundation (Hrsg..) (o.D.): Our themes. URL: https://berghof-foundation.org/themes (Zugegriffen am 09.01.2023).


Bernath, J.; Suter, L.; Waller, G.; Külling, C.; Willemse, I.; Süss, D. (2020): JAMES – Jugend, Aktivitäten, Medien – Erhebung Schweiz. Ergebnisbericht zur JAMES-Studie 2020. Zürich: ZHAW - Züricher Hochschule für Angewandte Wissenschaften.


Duncker, L. (Hrsg.) (1988): Frieden lehren? Beiträge zu einer undogmatischen Friedenserziehung in Schule und Unterricht. Langenau-Ulm: Vaas.


Evangelisch Lutherische Landeskirche Sachsen (2013): Arbeitsmappe „Friedensbildung und Friedenserziehung in Sachsen“. URL: https://www.friedensbildung-sachsen.de/files/fbs/dokumente/arbeitsmappe-friedensbildung-und-friedenserziehung-in-sachsen.pdf (Zugegriffen am 09.01.2023).


Freistaat Sachsen (2018): Sächsisches Schulgesetz. SächsSchulG, vom 27.09.2018. Fundstelle: SächsGVBl. 2018 Nr. 15, zuletzt geprüft am 09.01.2023.


Heck, Gerhard (Hrsg.) (1991): Friedenspädagogik. Theorien, Ansätze und bildungspolitische Vorgaben einer Erziehung zum Frieden (1945-1985). Darmstadt: Wiss. Buchges.


Nicklas, H.; Ostermann, Ä. (1976): Zur Friedensfähigkeit erziehen. Soziales und politisches Lernen als Unterrichtsthema. 1. Aufl. München: Urban & Schwarzenberg (U-&-S-Pädagogik Unterricht).


Rosenberg, M. B.; Holler, I. (2016): Gewaltfreie Kommunikation: Eine Sprache des Lebens. Paderborn, GERMANY: Junfermann Verlag.


Sächsisches Staatsministerium für Kultus (2019): Lehrplan Gymnasium Geschichte, vom 01.08.2019. URL: http://lpdb.schule-sachsen.de/lpdb/web/downloads/1422_lp_gy_geschichte_2019.pdf (Zugegriffen am 0.01.2023).


UNESCO (2001): Verfassung der Organisation für Bildung, Wissenschaft und Kultur (UNESCO), vom 01.11.2001. URL: https://www.unesco.de/mediathek/dokumente/verfassung-der-organisation-fuer-bildung-wissenschaft-und-kultur (Zugegriffen am 09.01.2023).


Werkstatt.bpb.de (2022): Bildungshacks. Tipps für Friedenspädagogik im Unterricht. Video: YouTube. URL: https://www.youtube.com/watch?v=hrIHEG-YC9s&ab_channel=werkstatt.bpb.de-DigitaleBildunginderPraxis (Zugegriffen am 09.01.2023).


BILDQUELLEN


Abb. 1: Eigene Darstellung, angelehnt an Bayerischer Rundfunk (2022): Der Krieg in der Ukraine: Ängste und Informationsbedürfnisse von Jugendlichen. URL: https://www.br-online.de/jugend/izi/deutsch/presse/Pressemitteilungen/PM_Jugendliche_und_der_Konflikt_in_der_Ukraine.pdf (Zugegriffen am 09.01.2023).

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