Die Verzahnung von Unterricht und Angeboten

<– zurück zu allen Blogbeiträgen

von Reijke Nele Schaufuß


„Lasst uns Schulen zu einem Ort machen, wo Lernen und Leben sinnvoll ineinander greifen, wo anregende Lernlandschaften entstehen, wo Kinder und Jugendliche vielfältige Anreize und Herausforderungen finden, wo Lernen individuell bedeutsam werden kann, wo es sich mit Freude und Ansporn, mit Anstrengung und auch mit Stolz auf das Erreichen verbindet und wo die Einzelnen die Hilfe finden, die sie brauchen “ (von der Groeben 2009, S. 242).

Um dieser Aufforderung nachzugehen, ist es von Bedeutung, eine Verzahnung von Unterricht und Angeboten an Schulen mit Ganztagsangeboten (GTA) zu schaffen. Aber wie kann dieser Zusammenhang bzw. die Verzahnung denn überhaupt stattfinden? Dafür wollen wir uns zunächst einmal die Qualitätsmerkmale guten Unterrichts und die Angebotsqualität von GTA anschauen, denn ohne diese Qualitätsmerkmale kann eine Verzahnung nicht stattfinden.

In Sachsen bildet das Kombimodell aus Grundschule und Hort im Primarbereich den offenen und teilgebundenen Ganztag. Wenn im Folgenden von „Angeboten“ die Rede ist, meint dies für die Grundschulen immer auch den Hort.


GUTER UNTERRICHT WIRD DURCH DREI GRUNDDIMENSIONEN BEEINFLUSST:

  1. Die Strukturdimension beinhaltet eine strukturierte, klare und störungspräventive Unterrichtsführung. Das sorgt dafür, dass mehr Zeit für Lernaufgaben geschaffen wird, Schüler*innen ein höheres Maß an Aufmerksamkeit vorweisen und mehr Verarbeitungstiefe geschaffen wird.

  2. Die Unterstützungs- und Orientierungsdimension ist wichtig für ein schülerorientiertes und–unterstützendes Sozialklima, wodurch die Lern- und Leistungsmotivation gesteigert wird und eine Steigerung auf der Beziehungsebene stattfindet.

  3. Um ein umfassendes Verständnis der Lerninhalte zu garantieren, ist es von Bedeutung, die Herausforderungs- und Aktivierungsdimension zu berücksichtigen. Sie ist von enormer Wichtigkeit für eine positive Leistungsentwicklung (vgl. Stecher et al. 2009, S. 186ff.).

DIE ANGEBOTSQUALITÄT VON GTA BERUHT AUF DREI PERSPEKTIVEN:

  1. Die Kontextperspektive beinhaltet den Einbezug externer Faktoren und Faktoren schulischer Wirksamkeit. Dazu zählen bspw. Wettbewerbsfaktoren, die Schulgröße und die soziale Zusammensetzung der Schülerschaft.

  2. Die Wirkungsperspektive beinhaltet die Bildungsqualität. Angebote müssen also dem Konzept von Bildung und Erziehung entsprechen und die damit einhergehende Persönlichkeitsentwicklung berücksichtigen.

  3. Die Prozessperspektive beschäftigt sich, genau wie guter Unterricht auch, mit den o.g. drei Dimensionen - mit der Strukturdimension (Verlässlichkeit, Sicherheit und Strukturiertheit der Angebote), der Unterstützungs- und Orientierungsdimension (akzeptierende und respektierende Beziehung unter Peers und zu Erzieher*innen) sowie der Herausforderungs- und Aktivierungsdimension (Entfaltung körperlicher, intellektueller, emotionaler und sozialer Fähigkeiten) (vgl. Stecher et al. 2007, 349ff.).

Die Angebotsqualität von GTA und guter Unterricht weisen also erhebliche Gemeinsamkeiten auf. Der Unterschied ist durch die Nutzungsperspektive gegeben, da die Angebote am Nachmittag eine Wahlfreiheit beinhalten, der Unterricht hingegen natürlich verpflichtend ist. Erst wenn wir guten Unterricht und auch eine gute Angebotsqualität garantieren, können wir eine gelungene Verzahnung von Unterricht und Angeboten angehen.


DIE VERBINDUNG VON UNTERRICHT UND ANGEBOT ALS QUALITÄTSVOLLER GANZTAG

Die Kultusministerkonferenz definiert Schulen mit GTA durch drei Merkmale. Eines davon beinhaltet, dass GTA in einem konzeptionellen Zusammenhang mit dem Unterricht stehen (vgl. KMK 2018). Allerdings gibt es keine konkreten Vorgaben für die Umsetzung und damit verbunden keinen Garant für das Gelingen dieser Verzahnung. Trotz dieses Versäumnisses sind Wissenschaftler*innen bemüht, einen Rahmen zu entwickeln. Auf Grundlage von vier Studien sollen in diesem Beitrag einige Rahmenbedingungen für die Verzahnung gegeben werden.

  1. Die StEG Studie, welche sich mit der Entwicklung von Ganztagsschulen befasst, ist ein Kooperationsprojekt aus vier Forschungseinrichtungen: Dem Deutschen Institut für internationale Pädagogische Forschung, dem Institut für Schulentwicklung der Technischen Universität Dortmund, dem Deutschen Jugendinstitut und der Justus-Liebig-Universität Gießen (vgl. Holtappels et al.; Züchner/Fischer 2011).

  2. Die Studie „Mehr Schule wagen“ wurde geleitet von der Bertelsmann-Stiftung, der Robert Bosch Stiftung, der Stiftung Mercator und der Vodafone Stiftung Deutschland (vgl. Radisch/Klemm/Tillmann 2018).

  3. Die nordrhein-westfälische Studie zur Begleitung des offenen Ganztags im Primarbereich, welche unter der Leitung von Hans Haenisch vom Landesinstitut für Schule und Weiterbildung in Nordrhein-Westfalen entstand (vgl. Haenisch 2009).

  4. Die vierte Studie ist die sächsische Studie zur Begleitung und Evaluation der Förderrichtlinie zum Ausbau von Ganztagsangeboten, diese wurde unter der Leitung von Professor Hans Gängler von der Technischen Universität Dresden durchgeführt (vgl. Gängler et. al. 2013).

Allen Studien ist zu entnehmen, dass die Verbindung von Unterricht und Angeboten auf verschiedenen Ebenen stattfinden kann:

Abb. 1: Ebenen zur Verzahnung von Unterricht und Angeboten, eigene Darstellung nach Haenisch 2009, S. 8ff.

Für eine mögliche Umsetzung des Qualitätskriteriums der Verzahnung von Angebot und Unterricht ist es von Bedeutung, drei Dimensionen in Augenschein zu nehmen. Die Dimensionen bilden, neben den Verzahnungsebenen, einen Rahmen für das Gelingen dieser Verbindung. Diese Dimensionen stehen für eine inhaltliche, zeitliche und personelle Verzahnung.


Abb. 2: Einflussdimensionen auf das Qualitätskriterium Verzahnung, eigene Darstellung nach Haenisch 2009, S. 6ff.; Arnold 2011, S. 95ff.; Appel/Rutz 2005, S. 141f.; Baasen/Bossaller/Güldenhaupt/Hanstein-Moldenhauer/Lange. 2007, S. 84; Höhrmann/Bergmann/Gebauer 2009, S. 78ff.


KOOPERATIONSBEDINGUNGEN ALS GRUNDLAGE FÜR EINE VERZAHNUNG

Einen nicht unwesentlichen Bestandteil für die Verzahnung von Unterricht und Angeboten stellt der Kooperationsvertrag an Schulen mit GTA dar. Die Kooperation beschreibt eine Zusammenarbeit zwischen den Lehrkräften untereinander und dem weiteren pädagogisch tätigen Personal. Berücksichtigt man, dass viele Angebote auch von externen Kooperationspartner*innen kommen, ist es wichtig, eine Basis in einem Kooperationsvertrag zu verschriftlichen. Auf der einen Seite sollten klare Regelungen bezüglich Ansprechpartner*innen an der Schule getroffen werden, und auf der anderen Seite sollten klare Inhalte und Ziele der Angebote mit der Schule abgestimmt sein (vgl. Sächsisches Staatsministerium für Kultus 2017, S. 15f.).

Beispielsweise muss jede Grundschule in Sachsen einen Kooperationsvertrag mit dem jeweiligen Hort vorlegen, um einen Förderantrag für Ganztagsschulmittel bewilligt zu bekommen. Der Kooperationsvertrag beinhaltet die Eckpunkte, die die Zusammenarbeit der beiden Institutionen ausmachen, z.B. Rhythmisierung, Mittagessen, Inklusion, Integration, Raumkonzept... Alle diese Punkte sollten zum Schulprogramm der jeweiligen Grundschule passen.

Die Deutsche Kinder- und Jugendstiftung hat hierzu 2015 eine Broschüre herausgebracht unter dem Titel "Grundschule und Hort im Dialog".


Für eine geregelte Kooperation – auch über die Thematik Grundschule/Hort hinaus – werden verschiedene Kooperationsebenen beschrieben. Diese bedingen sich gegenseitig, und es bedarf der Auseinandersetzung mit jeder einzelnen Ebene. In der folgenden Übersicht werden die einzelnen Ebenen dargestellt:


Abb. 3: Ebenen für eine geregelte Kooperation, eigene Darstellung nach Baasen et al. 2007, S. 82ff.; Arnold 2009, S. 124ff.; Höhmann 2005, S. 200; Haenisch 2009, S. 6; Sächsisches Staatsministerium für Kultus 2017, S. 16.


CHANCEN UND GRENZEN IN SACHSEN

Sachsen gilt, was Schulen mit Ganztagsangeboten angeht, als Vorreiter im Bereich der Förderinfrastruktur. Zugleich fehlt es jedoch sowohl an Schulberater*innen, die zum Thema Verzahnung von Angebot und Unterricht Hilfestellungen geben, als auch an thematischen Fortbildungen. Zudem hat das Thema Verzahnung im Qualitätsrahmen Ganztagsangebote einen relativ kleinen Stellenwert. Durch eine unzureichende Bereitstellung von Geldern von Seiten des Freistaats und dem immer noch herrschenden Lehrkräftemangel fehlt es vielerorts an Personal, was zur Folge hat, dass die einzelnen Beteiligten innerhalb der multiprofessionellen Teams an einer Schule mit Ganztagsangeboten nicht genügend Zeitkontingente zur Verfügung haben, um den Kooperationsaufgaben und damit dem Gelingen der Verzahnung nachzukommen. Hinsichtlich des Rahmens für die Verzahnung muss an dieser Stelle noch einmal erwähnt werden, dass klare Richtlinien und Definitionen fehlen, was Verzahnung meint und wie diese zu bewerkstelligen ist. Hier sollten die Landesämter für Schule und Bildung und das Sächsische Staatsministerium für Kultus schnell nacharbeiten.

LITERATURVERZEICHNIS

Appel, S./Rutz, G. (2005): Handbuch Ganztagsschule. Praxis. Konzepte. Handreichungen. 5. überarbeitete Auflage. Schwalbach: Wochenschau.