Nein zu Hausaufgaben und ja zu Lernzeiten in Schulen mit Ganztagsangeboten

Aktualisiert: 21. Dez 2020

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Hausaufgaben in der Ganztagsschule

von Toni Preußer


VOM SINN UND UNSINN VON HAUSAUFGABEN

Zunächst muss geklärt werden, worum es sich bei Hausaufgaben und Lernzeiten handelt und inwiefern diese beiden Konzepte miteinander verbunden sind.

Im engen Sinne kann man als Hausaufgaben jene Tätigkeiten bezeichnen, welche den Schüler*innen von der Schule zur Erledigung außerhalb der Unterrichtszeit übertragen werden (vgl. Eigler/Krumm 1972, S. 46). Hausaufgaben besitzen dabei zwei deutliche Funktionen:


1. Didaktische Funktion

Abb. 1: Didaktische-methodische Funktionen von Hausaufgaben, eigene Darstellung nach Haag/Borsig 2010, S. 307.

2. Erzieherische Funktion

Hierbei geht es vor allem um die Steigerung von Selbstständigkeit und persönlichkeitsstärkender Haltung, wie z.B. Arbeitsfreude, Fleiß, Selbstdisziplinierung und besonders um die Steigerung des Interesses für die eigene Beschäftigung mit den verschiedenen Unterrichtsgegenständen. Die Stärkung der intrinsischen Motivation durch Interesse und Neugier steht hierbei im Vordergrund. Selbstständigkeit ist dabei nicht als selbstbestimmtes, also autonomes, Lernen sondern vielmehr als selbstreguliertes Lernen zu betrachten und zu fördern (vgl. Mischo/Haag 2010, S. 252f.).

Lernzeiten hingegen bieten Raum für neue Formen des Lernens, welche weit über das klassische Konzept der Hausaufgaben und der damit verbundenen Hausaufgabenbetreuung hinausgehen. Lernzeiten bieten dabei einen sehr variablen und breiten Spielraum zur Gestaltung von Lernarrangements für gezielte Fördermöglichkeiten. Sie können sowohl in den Unterricht integriert werden, als auch außerhalb des Unterrichts stattfinden und sie können für verschiedenste Aktivitäten, wie z.B. Wochenplanarbeit, Freiarbeitsstunden oder auch integrierte Übungsstunden, genutzt werden. Eine Betreuung durch ausgebildete Lehrkräfte oder pädagogische Fachkräfte ist in den meisten Formen der Lernzeitgestaltung ebenso essentiell wie sinnstiftend (vgl. Gerken 2014, S. 20).

Doch wieso ist es notwendig, im Rahmen der Schule mit Ganztagsangeboten das klassische Konzept der Hausaufgaben zu verwerfen und für die Schüler*innen feste bzw. flexible Lernzeiten in das Schulkonzept zu integrieren?

Dazu betrachten wir zunächst die bildungswissenschaftlichen Erkenntnisse zur Effektivität von Hausaufgaben bzw. ihren Einfluss auf den Lernerfolg der Schüler*innen. Bereits Studien aus den Sechziger und Siebziger Jahren, z.B. von Bernhard Wittmann und Volker Krumm, bestätigten, dass es keine direkte Abhängigkeit der Schulnoten von der täglich für Hausaufgaben aufgewendeten Arbeitszeit gibt (vgl. Zepp 2009, S. 105). John Hattie analysierte in seiner Metastudie „Visible Learning“ von 2009 die Effektivität von 138 Einflussfaktoren auf den Lernerfolg von Schüler*innen. Dabei wurde ein Schwellenwert von 0.4 für die Effektivität festgelegt, was bedeutet, dass jeder Faktor mit einem Effektivitätswert unter 0.4 keinen deutlichen Einfluss auf den Lernerfolg hat. Hierbei wurde für „Hausaufgaben“ ein Effektivitätswert von 0.29 ermittelt, was deutlich zeigt, dass Hausaufgaben nicht per se wirksam für den Lernerfolg von Schüler*innen sind. Es kommt hierbei viel mehr auf die didaktische Einbettung in den Unterrichts- und Schulalltag an. Eine große Effektivität (0.55 und höher) zeigten bei Hattie´s Studie z.B. „aktivierende Lernstrategien“, „meta-kognitive Strategien“ und „kooperatives Lernen“ (vgl. Steffens/Höfer 2014, S. 9). Diese Faktoren können durch ein durchdachtes und in den Unterrichtsalltag eingebettetes Lernzeitkonzept sowie eine Rhythmisierung des Schulalltags gezielt bedient werden.

Ein anderer Ansatz, um die Notwendigkeit der Integration von Lernzeiten in das Schulkonzept zu verdeutlichen, ist das Betrachten neurodidaktischer Zugänge zur Gestaltung von Lernzeiten. Hierbei wird das Augenmerk auf neuronale Zusammenhänge gelegt, welche den Lernprozess negativ beeinflussen, sogenannte Lernblockaden:

  • Fehlende Anschlussfähigkeit: Anschluss- und Erinnerungsfähigkeit sind auf eine sinnvolle und nachhaltige Verknüpfung alter und neuer Informationen angewiesen

  • Fehlende Nutzungsfähigkeit: Gelerntes kann nur dauerhaft behalten werden, wenn es regelmäßig in einem sinnbringenden Kontext reaktiviert wird

  • Fehlende Kontextualisierung: Lernstoff muss in einem fachlichen Kontext dargelegt und rekonstruiert werden

  • Stress: Wissensbestände können nicht abgerufen und genutzt werden, da Stresshormone die Gedächtniszugänge blockieren

Das Verständnis dieser neuronalen Lernblockaden ist sehr hilfreich bei der Gestaltung unterschiedlicher Lernarrangements und gezielten Fördermöglichkeiten für die Schüler*innen. Ist man sicher dieser möglichen neuronalen Blockaden bewusst, kann man ebenfalls gezielt Lernstrategien mit den Schüler*innen aufbauen, welche Verarbeitungs- und Verstehensprozesse unterstützen, Kenntnis- und Wissensbestände regelmäßig reaktivieren, den Zugriff auf vorhandenes Wissen und Kompetenzen verbessern und diese anwenden und erweitern (vgl. Schirp 2014, S. 8).


DARAUF GILT ES ZU ACHTEN

Was genau muss nun vor Ort vorhanden sein, damit die Umgestaltung von Hausaufgaben in Lernzeiten, bzw. die Integration von Lernzeiten in den Unterrichtsalltag erfolgreich gelingt?

Die wichtigste Bedingung zum Gelingen ist das Vorhandensein eines differenzierten Schulkonzepts, welches auf die Form „Schule mit Ganztagsangeboten“ angepasst ist. Ist dies nicht vorhanden, bewährt sich zuerst eine Sozialraumanalyse durchzuführen bevor ein adäquates Schulkonzept erstellt wird. Hierzu finden Sie zahlreiche Informationen in den Literaturempfehlungen.

Achten Sie bei der Hausaufgabenbetreuung und bei der Betreuung während adäquater Lernzeitangebote auf qualifiziertes Personal. Improvisation kann hierbei zu großen Defiziten in einer angemessenen Betreuung führen. Ehrenamtliches Personal stellt eine wichtige Ergänzung dar, ersetzt aber keineswegs ausgebildetes pädagogisches Personal.

Anschließend überprüfen Sie jede Betreuungs- bzw. Lerngruppe auf ihre Größe, und Art der Lernarrangements, da diese maßgeblich die Eignung und Qualifikation des betreuenden Personals bestimmt und darüber entscheidet ob es sich um eine reine Betreuung handelt oder ob Förderimpulse und individuelle Hilfestellungen benötigt werden.

Je nach konzeptioneller Ausgestaltung sollten Sie sich überlegen, ob die Hausaufgabenbetreuung bzw. die Lernzeitarrangements in jahrgangsgemischten oder jahrgangshomogenen Gruppen stattfinden soll.

Achten Sie auf geeignete und ruhige Räumlichkeiten für Hausaufgaben- und Lernzeiten. Hier hat es sich bewährt auf Räumlichkeiten wie spezifische Klassenzimmer oder Cafeteria zu verzichten und separate Räumlichkeiten zu nutzen.

Es hat sich bewährt, diese Hausaufgaben- bzw. Lernzeitbereiche zu einem festen Bestandteil des gesamten Förderkonzepts werden zu lassen.

Es ist darauf zu achten, dass Schüler*innen angemessene Recherchemöglichkeiten angeboten werden müssen. Hier hat sich ein Internetzugang oder auch eine Schul- oder Stadtteilbibliothek bewährt.

Achten Sie auf einen ständigen Informationsfluss zwischen dem Personal am Vormittag und dem Personal am Nachmittag. Hierzu haben sich Pensenbücher, Klassenbücher oder Ähnliches bewährt (vgl. Dollinger 2014, S. 79).


LERNZEITEN IN DER PRAXIS

Wie kann man eine Integration von Hausaufgaben- bzw. Lernzeiten konkret umsetzen und welche Möglichkeiten der Gestaltung von Lernzeitarrangements und individuellen Fördermaßnahmen gibt es?

Durch den erweiterten Schulalltag an Schulen mit Ganztagsangeboten bieten diese verbesserte Möglichkeiten alternative Hausaufgabenkonzepte zu testen und stetig auszubauen. Eine Möglichkeit ist die stufenweise Integration von Lernzeiten in das bestehende Schulkonzept und den damit verbundenen Unterrichtsalltag. Die einfachste Möglichkeit und erste Stufe dieser Integration ist die Einführung einer verbindlichen Hausaufgabenstunde in den Unterrichts.


Abb. 2.: Klassische Hausaufgabenstunde, eigene Darstellung nach Kaufmann 2013, S. 5.


Die klassische Hausaufgabenstunde ist dabei allerdings als eine rein additive Lösung zu betrachten, da sie lediglich eine Verlagerung der klassischen Hausaufgaben vom Elternhaus in die Schule bedeutet. Sie ist jedoch sehr schnell und ohne viel Aufwand einzuführen und kann später durch komplexere Hausaufgaben- und Lernzeitkonzepte ersetzt werden (vgl. Kaufmann 202013, S. 5).

Eine höhere und komplexere Stufe der Integration von alternativen Hausaufgaben- und Lernzeitkonzepten in den Schulalltag ist die Einführung flexibler Hausaufgabenzeiten. Diese flexible Hausaufgabenbetreuung bietet den Schüler*innen mehr Entscheidungsspielraum bei der Wahl der Arbeitszeiten aber auch der Arbeitsformen. So werden sowohl individuelle Arbeitsrhythmen als auch Präferenzen der Schüler*innen zu bestimmten Betreuer*innen als auch Arbeits- und Lernformen berücksichtigt.


Abb. 3: Flexible Hausaufgabenzeiten, eigene Darstellung nach Kaufmann 2013, S. 6.


Bei dieser Möglichkeit können die Schüler*innen je nach Wunsch, Unterstützungsbedarf, Förderschwerpunkt oder persönlichen Präferenzen täglich neu entscheiden ob sie z.B. in Gruppen- oder Stillarbeitsbereichen arbeiten möchten oder zu welcher Uhrzeit sie ihre Hausaufgaben erledigen möchten. Somit ist eine Differenzierung der Hausaufgaben- bzw. Lernzeitangebote für alle Schüler*innen gewährleistet (vgl. ebd., S. 6).