Hausaufgaben in Schulen mit Ganztagsangeboten

Aktualisiert: 21. Dez 2020

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von Lisa Margarete Radtke


Hausaufgaben begleiten den Schulalltag seit dem 19. Jahrhundert. Ihr Sinn wird selten kritisch hinterfragt. Dabei sorgen sie häufig für Konfliktpotenzial in den Familien. So können sie Schüler*innen und Eltern überfordern oder sie überschreiten die Belastungsgrenze der Kinder (vgl. Boßhammer/Schröder 2012, S. 67). Das größte Problem jedoch ist, dass die Erledigung der Hausaufgaben unter sehr unterschiedlichen häuslichen Bedingungen geschieht, was eine Chancengerechtigkeit für alle unmöglich macht (vgl. Höhmann/Rademacker 2006, S. 137).

Dabei gibt es durchaus Alternativen und innovative Lösungen, insbesondere in Schulen mit Ganztagsangeboten. Hier werden Hausaufgaben zurück in die Schule geholt, anstatt diese Zuhause zu bearbeiten. In zusätzlichen Unterrichts- und Lernzeiten oder integrativ, also in den Unterricht eingebunden, erledigen Schüler*innen ihre Hausaufgaben (vgl. Wolf 2008, S. 188). Dies ist ein entscheidender Grund für viele Eltern, ihr Kind auf eine Schule mit Ganztagsangeboten zu schicken, denn durch eine pädagogische Hausaufgabenbetreuung werden sie selbst maßgeblich entlastet.

Forschungen zeigen, dass Kinder es fast durchgängig als positiv bewerten, wenn sie bei der Hausaufgabenerledigung von pädagogischen Fachkräften begleitet werden (vgl. Burow/Pauli 2006, S. 82) und die Möglichkeit haben, jederzeit Hilfe zu erhalten, wenn sie sie benötigen. Außerdem wirkt sich diese Begleitung leistungsförderlich auf Schüler*innen mit Migrationshintergrund aus. Gleichzeitig zeigen andere Forschungsergebnisse, dass ein Drittel der Kinder die Hausaufgaben häufig zu Hause beenden müssen (vgl. Kohler 2019, S. 114f.). Die Studie zur Entwicklung von Ganztagsschulen (StEG) 2005 zeigt, dass in der Grundschule 51,2 %, in der Sekundarstufe jedoch nur noch 24,4 % an der Hausaufgabenbetreuung teilnehmen (vgl. Holtappels 2008, S. 22). Gründe dafür sind u.a., dass sich die Schüler*innen langweilen oder den Sinn hinter der Betreuung nicht verstehen. Oft klagen sie auch über die Lautstärke oder Fremdbestimmung (vgl. Kohler 2019, S. 116). Die Frage lautet also nun, wie könnte eine gute und hilfreiche Hausaufgabenbetreuung aussehen?


GELINGENSBEDINGUNGEN

Abb. 1: Die drei Ebenen des didaktischen Konzepts, eigene Darstellung nach Höhmann 2006, S. 139ff.

Zunächst benötigen wir ein didaktisches Konzept. Dafür betrachten wir drei Ebenen. Auf der Organisationsebene stellen wir uns die Fragen, welche Funktion die Hausaufgaben erfüllen, wann und wo die Hausaufgabenbetreuung stattfinden soll und wie diese zusammengestellt ist, z. B. in altersgemischten oder klassenübergreifenden Gruppen. Dabei sollte die Gruppengröße bedacht werden, damit das Angebot nicht zur bloßen Aufsicht und Betreuung wird, sondern echte Hilfestellungen und individuelle Förderung leisten kann (vgl. Höhmann/Rademacker 2006, S. 139f.). Empfehlenswert sind auch kooperative Lernformen. Hier gibt es zum einen das Peer Learning (Gleichaltrige unterstützen sich gegenseitig beim Lernen), zum anderen das Peer Mentoring (ältere Schüler*innen helfen jüngeren). Letzteres bietet zwar größere Herausforderungen bei der Organisation, jedoch kann es, richtig umgesetzt, eine erfolgreiche Symbiose ergeben. Die Jüngeren verstehen den Lerngegenstand, indem er ihnen auf Augenhöhe erklärt wird, die Älteren wiederholen und festigen ihr Wissen. Außerdem kann sich das positiv auf die Lernmotivation, das allgemeine Wohlbefinden und die Entwicklung sozialer Kompetenzen auswirken (vgl. Brisson/Sauerwein/Heyl/Theis 2019, S. 124f.).

Oft findet die Hausaufgabenbetreuung nach dem Mittagessen im sogenannten „Mittagstief“ statt. Das könnte ein Grund dafür sein, warum wenige Schüler*innen dieses Angebot wahrnehmen, da es ihrem natürlichen Biorhythmus widerspricht. Eine alternative Überlegung wäre, die Hausaufgabenbetreuung auf die erste Unterrichtsstunde zu verlegen. Dadurch bekommen die Schüler*innen die Möglichkeit, nochmals Fragen zu stellen und sich somit optimal auf den folgenden Unterricht vorzubereiten (vgl. Höhmann/Rademacker 2006, S. 140).

Im nächsten Schritt betrachten wir die räumliche Situation. Wie lässt sich ein sinnvolles Raumkonzept gestalten ? Haben die Schüler*innen Zugang zu einer Bibliothek, PCs und den erforderlichen Lernmaterialien? Zentral ist hierbei, dass sich die Kinder wohlfühlen. Empfehlenswert ist es, den Raum anders als die Klassen- und Fachräume zu gestalten, er sollte eine angenehme eher wohnliche Atmosphäre haben, in dem unterschiedliche Lernsettings möglich sind (vgl. ebd.).

Abb. 2 Verzahnung der Hausaufgaben mit dem Schulpersonal, eigene Darstellung nach Dollinger 2014, S. 78.

Abschließend sollte die personelle Ebene bedacht werden. Am häufigsten finden sich in der Hausaufgabenbetreuung Eltern, Honorarkräfte oder Ehrenamtliche. Sie sind eine wichtige Hilfe, jedoch verlangt das Angebot eine personelle Kontinuität, pädagogische Qualifikation und eine berufliche Stellung der Person, welche die nötige Anerkennung bei Fachlehrer*innen für einen kritischen Dialog über die gestellten Hausaufgaben sichert (vgl. ebd., S.141). Weiterhin ist zu bedenken, wie eine optimale Verzahnung mit den Lehrkräften am Vormittag sichergestellt werden kann. Eine Lösung wären sogenannte. Hausaufgabenbücher. Hier werden alle Aufgaben eingetragen, sodass die pädagogische Fachkraft stets weiß, was zu tun ist. Umgekehrt können sie den Lehrer*innen Feedback geben, wenn die Hausaufgaben zu umfangreich oder schwierig waren. Außerdem bekommen die Eltern so einen Einblick, was ihr Kind momentan in der Schule leistet. Dadurch können sich alle Beteiligten regelmäßig austauschen. Darüber hinaus sollte man sich von den pädagogischen Fachkräften sowie den Schüler*innen regelmäßig Rückmeldungen über Umfang und Schwierigkeitsgrad der Hausaufgaben einholen (vgl. Dollinger 2014, S. 78). Insgesamt sind Feedback und kontinuierlicher Austausch aller Beteiligten wichtig, um Chancengerechtigkeit für alle Schüler*innen zu schaffen und diese merklich zu entlasten. Im Idealfall gehören Hausaufgaben außerhalb der Schule der Vergangenheit an.

Abb. 3: Die Inhalte der drei Ebenen des didaktischen Konzepts, eigene Darstellung nach Höhmann 2006, S. 139ff.

EMPFEHLUNGEN UND ÜBERLEGUNGEN FÜR LEHRER*INNEN UND PÄDAGOGISCHE FACHKRÄFTE

  • Analysieren und reflektieren Sie Ihre eigene Hausaufgabenpraxis und tauschen Sie sich mit Ihrem Kollegium aus (vgl. Boßhammer/Schröder 2012, S. 72f.).

  • Klären Sie bei einer schulinternen Veranstaltung mit allem Beteiligten, welche Form, Art und Ausprägung der Unterstützung bei den Hausaufgaben zum einen gewünscht, zum anderen erwartet wird (Kontrolle auf Sauberkeit, Kontrolle auf Erledigung, Kontrolle mit nachgeschalteten Korrekturen, Erklärung bei Nichtverstandenem aus dem Unterricht etc.).

  • Holen Sie sich regelmäßiges Feedback ein, auch von den Schüler*innen und Eltern (vgl. ebd., S. 73).

  • Klären Sie die Eltern vor dem Eintritt in die Schule mit Ganztagsangeboten darüber auf, was diese auch hinsichtlich der Hausaufgabenbetreuung leisten kann. Es muss deutlich werden, dass es weiterhin die Pflicht eines gemeinsamen Bildungs- und Erziehungsziels gibt und sie sich somit nicht aus der Verantwortung ziehen können (vgl. Dollinger 2014, S. 79).

  • Treffen Sie klare Vereinbarungen mit den Schüler*innen, wann und wie oft diese das Angebot besuchen sollten.

  • Fragen Sie sich beim Stellen der Hausaufgabe immer: Welche Aufgabe soll von wem, wie, mit welchem Ziel bearbeitet werden? Unter welchen Lernbedingungen soll gearbeitet werden und welche Hilfsmittel stehen zur Verfügung? In welcher Zeit, in welcher Qualität und bis wann sollen die Aufgaben erledigt werden? Zuletzt sollten Sie sich fragen, wie sich die Endkontrolle gestalten lässt (vgl. Boßhammer/Schröder 2012, S. 73).

  • Planen Sie genügend Zeit im Unterricht ein, um die Hausaufgaben zu erläutern (vgl. Höhmann/Rademacker 2006, S. 135).

  • Hausaufgaben sollten zunehmend individualisiert und differenziert werden, auch wenn sie nicht komplett in den Unterricht integriert werden können. Manche Kinder benötigen bspw. nur 10 Minuten für die Erledigung der Hausaufgaben, andere den ganzen Nachmittag. Empfehlenswert wäre hier eine Beschränkung der Zeit, z. B. 15-20 Minuten und eine Reflexion in der nächsten Stunde. Eine weitere Option wäre, den Kindern Wahlmöglichkeiten zu lassen (vgl. ebd., S. 136).

  • Würdigen Sie die Hausaufgaben der Schüler*innen, z. B. indem sich gezielt Nachbesprechungen in den Unterricht einplanen (vgl. Boßhammer/Schröder 2012, S. 73).

Abb. 4: Der Hausaufgabenprozess, eigene Darstellung nach Höhmann/Rademacker 2006, S. 135; Boßhammer/Schröder 2012, S. 73.

Insgesamt ist es wichtig, dass die Kinder ihren Prozess der Hausaufgabenerledigung reflektieren, denn nur so können sie geeignete Bewältigungsstrategien entwickeln und daraus lernen. Entscheidend ist, dass Hausaufgaben die Schüler*innen beim Lernen unterstützen und nicht behindern oder gar belasten. Hausaufgaben sollten zudem niemals als Strafe genutzt werden (vgl. Höhmann 2005, S. 81).


Wenn Ihre Schule nicht länger an Hausaufgaben festhalten, sondern diese zu Lernzeiten weiterentwickeln will, lesen Sie unbedingt auch den Beitrag von Toni Preußer in diesem Blog "Nein zu Hausaufgaben und ja zu Lernzeiten in Schulen mit Ganztagsangeboten".


LITERATURVERZEICHNIS

Boßhammer, H./Schröder, B. (2012): Von den Hausaufgaben zu den Aufgaben in der Ganztagsschule, In: Appel et. al. (Hrsg.): Jahrbuch Ganztagsschule. Schulatmosphäre – Lernlandschaft – Lebenswelt, Wochenschau-Verlag, Schalbach am Taunus, S. 67-83.


Brisson, B. M./Sauerwein, M. N./Heyl, K./Theis, D. (2019): StEG-Tandem: Eine Schulentwicklungsstudie zur Einführung von kooperativen Lernformen in Hausaufgabenb