Rhythmisierung im Kontext ganzheitlicher Schulentwicklung

<– zurück zu allen Blogbeiträgen

von Natalie Uhlig


Hinter der Thematik Rhythmisierung versteckt sich mehr als nur der Wechsel zwischen Aktivierungs- und Entspannungsphasen. Rhythmisierung kann nicht isoliert in einem bestimmten Bereich herbeigeführt werden, sondern zieht Veränderungen an verschiedenen Stellen mit sich. „Eine Schule neu und sinnvoll zu rhythmisieren, ist somit eine ganzheitliche Schulentwicklungsaufgabe.“ (Höhmann/Kummer 2007, S. 101)

Die Frage, wie das Lernen an Schulen erfolgreich ermöglicht werden kann, sollte im Fokus bei Entscheidungen für eine bestimmte Strukturierung des Schultages stehen (vgl. Rabenstein 2008, S. 551). Es geht um die besten Voraussetzungen für das Lernen im unterrichtlichen und außerunterrichtlichen Kontext sowie bei Alltagsbeschäftigungen wie dem Mittagessen (vgl. Kamski 2015, S. 7). Die Chancen der pädagogischen Gestaltung von Unterrichtseinheiten werden häufig vernachlässigt. Wird in der Ganztagsschulentwicklung von Rhythmisierung gesprochen, ist es demzufolge wichtig, die verschiedenen Ebenen zu betrachten.


DIE 3 EBENEN DER RHYTHMISIERUNG

Ilse Kamski unterscheidet die Ebenen der Schule, des Unterrichts/ außerunterrichtlicher Angebote und des Individuums (vgl. Kamski 2014, S. 19ff.).


1. Äußere Rhythmisierung

Dabei handelt es sich um grundlegende pädagogische Entscheidungen auf Schulebene. Es geht dabei um die Einteilung in unterrichtliche Blöcke, Pausen, Entspannungsphasen und außerunterrichtliche Angebote (vgl. ebd., S. 20).


2. Innere Rhythmisierung

Diese findet auf der Ebene des Unterrichts und der außerunterrichtlichen Angebote statt. Dabei werden Inhalte, Lehrformen und didaktische Funktionen rhythmisiert. Hier geht es zum einen um den „Wechsel von Lehr- und Lernformen“ (z.B. Stationenlernen), zum anderen um abwechselnde Unterrichtsmethoden (vgl. ebd., S. 20f.).


3. Individuelle Rhythmisierung

Auf der Ebene des Individuums geht es um den eigenen Rhythmus des Menschen und die Steuerung der Lernprozesse. Welche Lernstrategien entwickeln Kinder und Jugendliche, wie gehen sie mit Lernhilfen um und nutzen Entspannungsphasen? „Individuelle Rhythmisierung findet folglich bei jedem Lernen statt.“ (ebd., S. 21f.)


In Abbildung 1 sind die verschiedenen Bereiche von Rhythmisierung noch einmal dargestellt. Die Abbildung führt eine weitere Unterscheidung im Hinblick auf die zeitliche Organisation von Schule auf. Burk definiert den Takt als „schuleinheitlich festgelegte zeitliche Strukturierung“ (Burk 2005, S. 68). Dabei handelt es sich um die zeitliche Abfolge von Unterrichtsstunden, sowie Pausen und Mahlzeiten. Der Rhythmus dagegen stellt die „interne Lernstruktur innerhalb der vorgegebenen Unterrichtsblöcke“ (ebd.) dar.


Abb. 1: Rhythmisierungsmodell, Quelle: Kamski 2015, S. 7.


MODELLE DER ZEITSTRUKTURIERUNG – MEHR ALS 45 MINUTEN?

In vielen Schulen ist der 45-Minuten-Takt Standard (vgl. Kamski 2014, S. 77). Diese durch die äußere Rhythmisierung festgelegte Struktur kann Auswirkungen auf die innere Rhythmisierung haben.

Es gibt jedoch ebenfalls keine aussagekräftigen Studien darüber, welche die Auswirkungen der Veränderung der Stundenzeiten auf das Lernen belegen. Jedoch geht der „Tenor sowohl im wissenschaftlichen als auch im schulpraktischen Diskurs […] in Richtung der Favorisierung flexibler zeitlicher Unterrichtseinheiten“ (ebd.). Immer mehr werden Modelle wie der 60- oder 90-Minutentakt in Schulen eingeführt. Für die Lehrkräfte und Schüler*innen eröffnen sich dadurch neue Dimensionen des Lehrens und Lernens. Verlängerte Lernzeiten bedeuten Methodenvielfalt, Zeit für individuelle Förderung und selbstständiges Arbeiten (vgl. ebd.). Schüler*innen haben weniger Unterrichtseinheiten am Tag, dementsprechend weniger Materialien und müssen weniger Zeit für Vor- und Nachbereitung einplanen. Die Lehrkräfte müssen sich auf weniger Unterrichtseinheiten vorbereiten. Nachteile ergeben sich zum Teil für den Sprachunterricht, da die Lehrkräfte ihre Schüler*innen seltener sehen und kontinuierliches Lernen unterbrochen wird (vgl. ebd.). Des Weiteren zeigen Erfahrungen, dass der Erfolg nur unter bestimmten Bedingungen eintritt. Alle Lehrkräfte benötigen die notwendigen Kompetenzen für die Unterrichtsvorbereitung und Durchführung sowie hohes Engagement (vgl. Appel 2011, S. 205).


WORAUF IN DER PRAXIS ZU ACHTEN IST


Kein richtiges Modell

Eine generelle Rhythmisierungsstruktur - das ist leider nur eine Wunschvorstellung. Um Hinweise für die Praxis zu formulieren, ist es vor allem wichtig klar zu stellen: Es gibt kein richtiges Modell der Rhythmisierung (vgl. Scheuerer 2008, S. 56). Je nach schulspezifischen Bedingungen, Ressourcen und Zielvorstellung muss ein Konzept entwickelt werden. „Die Entwicklung eines Rhythmisierungskonzeptes ist daher eine zentrale einzelschulspezifische Entwicklungsaufgabe“ (Kolbe/Rabenstein/Reh 2006, S. 4).


Ist-Stand-Analyse

Wenn sich eine Schule mit Ganztagsangeboten mit dieser Thematik beschäftigen möchte, kann eine Ist-Stand-Analyse die Basis für weitere Entwicklungsprozesse bilden. Jede Schule ist bereits rhythmisiert, jedoch ist fraglich, ob die vorhandene Struktur sinnvoll ist (vgl. Höhmann/Kummer 2007, S. 102). Die folgenden Fragen können helfen, die vorliegende Situation zu analysieren:

  • Was ist das Ziel des Ganztags/ unserer Schule?

  • Welche Zeitstrukturierung liegt bereits vor?

  • Was sind die Effekte des Zeitstrukturierungsmodells?

  • Unterstützt unser jetziges Zeitstrukturierungsmodell das Ziel, das erreicht werden soll?

Rhythmisierung auf allen Ebenen

Ausgehend von den Antworten auf diese Fragen, wird sich ein Veränderungsbedarf in verschiedenen Bereichen herausstellen. Dabei ist es wichtig, alle Ebenen der Rhythmisierung im Auge zu behalten. Je nach Ergebnis kann eine Veränderung der Unterrichtsstunde, des Stundenblockes, der Woche oder auch des Jahres notwendig sein. Dementsprechend sind Anpassungen innerhalb dieser verschiedenen Bereiche zu treffen:

  1. Lernorganisation (Lernkultur, Feedbackkultur),

  2. Schulorganisation (neue Taktungsmodelle, Einführung von Ritualen)

  3. Personalorganisation (Rolle der Lehrkraft, Arbeits-/Abwesenheitszeit) (vgl. Kamski 2015, S. 8).

Bedingungsfaktoren Beachten

Im „Handbuch Ganztagsschule“ werden Bedingungsfaktoren genannt, die einen gravierenden Einfluss auf die zeitliche Organisation der Schule haben können und immer beachtet werden müssen. Dazu zählen, der „Schichtbetrieb beim Mittagessen, die Fahrplanzeiten der Schulbusse, die Verkehrsspitzenzeiten in Großstädten, die administrativen Regelungen für ganztägige Schulen, die unterschiedliche berufliche Ausbildung im pädagogischen Personal und die Arbeitszeiterwartungen der Lehrkräfte“ (Appel 2009, S. 145).


Rituale trotz Flexibilität

Es ist wichtig, Freiräume und genügend Flexibilitätszeiten für spontane Wechsel im Stundenplan zu verankern. Dennoch gehören zur Rhythmisierung Rituale und Verlässlichkeit (vgl. Höhmann/Kummer 2007, S. 94). Regelmäßig wiederkehrende Tagespunkte und verlässliche Abläufe geben den Schüler*innen Sicherheit und dienen der Orientierung.


Didaktische Entscheidungen gehen vor

„Überzeugende Tagesgestaltungen sind nicht die Folge verlängerter Halbtagsstrukturen und summarisch aufgestockter Zusatzunternehmungen, sondern resultieren aus der Umsetzung von Lebens- und Lernvorhaben der jeweiligen Schule.“ (Höhmann/Kummer 2007, S. 96) Didaktische Entscheidungen bzw. die Organisation unterschiedlicher Lernangebote sind mit der Frage der Zeitstrukturierung eng verbunden und sollten im Mittelpunkt stehen. Sie gehen der Entscheidung für eine bestimmte Zeitstruktur voraus (vgl. Rabenstein 2008, S. 551). Die Berücksichtigung des Wechsels von Anspannung und Entspannung gliedert sich danach ein (vgl. Kolbe/Rabenstein/Reh 2006, S. 17).


Abschließende Gedanken

Lucias Annaeus Seneca sagte einst: „Es ist nicht zu wenig Zeit, die wir haben, sondern es ist zu viel Zeit, die wir nicht nutzen.“ (Seneca, unbekannt). Schulen mit Ganztagsangeboten haben das Mehr an Zeit. Eine intensive Auseinandersetzung mit dem Thema Zeitstrukturierung eröffnet dabei ein weites Feld. Es müssen grundlegende Zielvorstellungen einer Schule geklärt werden, bevor zeitliche Strukturen geändert werden können. Das eigentliche Ziel darf aber nicht verloren gehen. Der Mittelpunkt aller Überlegungen sollte das Schaffen optimaler Voraussetzungen für das Lernen sein.


LITERATURVERZEICHNIS

Appel, S. (2009): Handbuch Ganztagsschule. Praxis, Konzepte, Handreichungen. Schwabach Ts.: Wochenschau Verlag.


Appel, S. (2011): Gestaltungsformen von Ganztagsschulen in der Bundesrepublik Deutschland. URL: https://kobra.uni-kassel.de/themes/Mirage2/scripts/mozilla-pdf.js/web/viewer.html?file=/bitstream/handle/123456789/2011122040101/DissertationStefanAppel.pdf?sequence=3&isAllowed=y (Zugriff: 07.08.2020).


Burk, K.H. (2005): Zeitstrukturmodelle. In: Höhmann, K./Holtappel,/Kamski, I./Schnetzer, T. (Hrsg.): Entwicklung und Organisation von Ganztagsschule. Anregungen, Konzepte, Praxisbeispiele. Dortmund: IFS, S. 66-72.


Höhmann, K./Kummer, N. (2007): Mehr Lernzeit durch einen anderen Umgang mit Zeit. In H. Kahl & S. Knauer (Hrsg.), Bildungschancen in der neuen Ganztagsschule. Lernmöglichkeiten verwirklichen.Weinheim und Basel: Beltz Verlag, S. 91-104.


Kamski, I. (2014): Rhythmisierung in Ganztagsschulen. Erprobte Praxis - Funktionierende Modelle. Schwabach/Ts: Debus Pädagogikverlag, Wochenschau Verlag.


Kamski, I. (2015): Rhythmisierung bzw. Zeitstrukturierungsmodelle in der Ganztagsschule. Begründungen und Gestaltungsansätze. In: Niedersächsisches Kultusministerium (Hrsg.): Forum Ganztagsschule Niedersachsen. Andere Rhythmen - andere Zeiten URL: http://www.mk.niedersachsen.de/download/72642 (Zugriff: 07.08.2020), S. 4-9.


Kolbe, F./Rabenstein, K./Reh, S. (2006): Expertise „Rhythmisierung“. Hinweise für die Planung von Fortbildungmodulen für Moderatoren. URL: https://tu-dresden.de/gsw/ew/ibbd/sp/ressourcen/dateien/forschung/online-archiv/Kolbe_et.al_Rhythmisierung.pdf?lang=de (Zugriff: 07.08.2020).


Rabenstein, K. (2008): Rhythmisierung. In: Coelen, T./Otto, H.U. (Hrsg.), Grundbegriffe Ganztagsbildung. Das Handbuch. Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften, S. 548-555.


Scheuerer, A. (2008): „Rhythm Is It!”- Rhythmisierung, Ganztagsschule und schulische Förderung. In: Appel, S./Ludwig, H./Rother, U./Rutz, G. (Hrsg.), Jahrbuch Ganztagsschule 2008. Leitthema Lernkultur. Schwabach/Ts.: Wochenschau Verlag.


Seneca L.A. (unbekannt). Lucius Annaeda Seneca Zitate. URL: http://zitate.net/lucius-annaeus-seneca-zitate (Zugriff: 04.09.2020).

Neu im Blog:

Gefördert durch:

Der Ideenwettbewerb Sächsische Mitmach-Fonds wurde von der Sächsischen Staatsregierung initiiert. Diese Maßnahme wird mitfinanziert durch Steuermittel auf der Grundlage des von den Abgeordneten des Sächsischen Landtags beschlossenen Haushalts.

©2021 by Ganztagsschule entwickeln

  • Facebook