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Studie: „Erwartungen von Hortmitarbeitenden an den Ganztag in Sachsen“


Von Luisa Neumann


EINLEITUNG: EIN WENDEPUNKT FÜR DEN SÄCHSISCHEN GANZTAG

In Sachsen ist der Hort als eigenständige Institution fest in der Bildungslandschaft verankert und leistet einen wesentlichen Beitrag zur Vereinbarkeit von Familie und Beruf. Mit dem Inkrafttreten des Ganztagsförderungsgesetzes (GaFöG) steht das sächsische Kooperationsmodell zwischen Grundschule und Hort vor einer Zäsur: Ab August 2026 wird stufenweise ein Rechtsanspruch auf ganztägige Bildung und Betreuung für Kinder im Grundschulalter eingeführt. Während die Politik die flächendeckende Versorgung mit Ganztagsplätzen in Sachsen betont, stellt sich in der Praxis die Frage, wie die Qualität dieses Angebots gesichert werden kann.

Der Hort soll in enger Zusammenarbeit mit der Grundschule zur kognitiven, sozialen und emotionalen Entwicklung der Kinder beitragen. Doch der Übergang zu einem verbindlichen Ganztagsmodell erfordert mehr als nur die Einhaltung gesetzlicher Vorgaben; er verlangt eine praxisorientierte Gestaltung der Kooperation zwischen den verschiedenen Professionen. Um die Sichtweise derjenigen zu erfassen, die diesen Wandel täglich gestalten, wurden im Rahmen einer empirischen Untersuchung sächsische Hortmitarbeiter*innen zu ihren Erwartungen und den aktuellen Herausforderungen befragt.

 

WIE STEHT ES UM DIE KOOPERATION ZWISCHEN DEN EINRICHTUNGEN IM SÄCHSISCHEN GANZTAG?

Um ein fundiertes Bild der aktuellen Lage zu erhalten, wurde eine empirische Untersuchung durchgeführt, die gezielt die Perspektiven der pädagogischen Fachkräfte im sächsischen Hort in den Blick nimmt. Die Datenerhebung erfolgte im Zeitraum vom 12. Januar bis zum 12. März 2025 mittels einer standardisierten Online-Befragung über die Plattform LimeSurvey. An dieser Querschnittsbefragung beteiligten sich insgesamt 231 Mitarbeiter*innen aus sächsischen Horten, wobei 160 vollständig ausgefüllte Datensätze in die finale Analyse eingingen.

Das methodische Fundament für die Erstellung des Erhebungsinstruments bildete eine qualitative Inhaltsanalyse nach Mayring (2022). Hierbei wurden in einem ersten Schritt relevante Themenfelder aus einer umfassenden Literaturrecherche identifiziert, paraphrasiert und zu sechs übergeordneten theoretischen Kategorien zusammengeführt. Diese Kategorien dienten als konzeptionelle Grundlage für einen standardisierten Fragebogen mit insgesamt 30 Fragen. Um eine hohe Aussagekraft der Ergebnisse zu erzielen und die sogenannte Tendenz zur Mitte zu vermeiden, kam eine vierstufige Zustimmungsskala zum Einsatz, die eine bewusste Positionierung der Teilnehmenden erforderte.

Die Ergebnisse dieser Befragung zeichnen ein differenziertes Bild der Zusammenarbeit. Innerhalb der eigenen Hort-Teams ist die Stimmung überwiegend positiv: Kollegiale Unterstützung und regelmäßiger Austausch prägen den Alltag. Doch sobald die Perspektive über die Grenzen der eigenen Institution hinausreicht, zeigen sich deutliche Risse im Fundament des sächsischen Kooperationsmodells.


Abbildung 1: Zustimmungen zu Kategorien der Zusammenarbeit im Hort-Team in %
Abbildung 1: Zustimmungen zu Kategorien der Zusammenarbeit im Hort-Team in %

HERAUSFORDERUNGEN IN DER INSITUTIONENÜBERGREIFENDEN ZUSAMMENARBEIT

  • Leitungsebene: Die Kooperation zwischen Hort- und Schulleitung wird kritisch bewertet. Es mangelt häufig an gemeinsamer Reflexion und einer konstruktiven Fehlerkultur. Unklare Verantwortlichkeiten führen dazu, dass Konflikte eher vermieden als gelöst werden.

  • Teamübergreifender Austausch: In der täglichen Zusammenarbeit zwischen Lehrkräften und Erzieher*innen fehlen oft verbindliche Strukturen für Feedback und gemeinsame Zielabsprachen.

  • Informationsfluss: Ein besorgniserregender Befund ist das Informationsdefizit bezüglich des kommenden Rechtsanspruchs. Über die Hälfte der Befragten fühlt sich kaum oder gar nicht darüber informiert, was die gesetzlichen Änderungen konkret für ihren Arbeitsalltag bedeuten.

Diese Kommunikationsdefizite führen zu einer spürbaren Verunsicherung. Über 80 Prozent der Fachkräfte fühlen sich nicht ausreichend auf die Umsetzung des Rechtsanspruchs vorbereitet.

 

DAS MACHTUNGLEICHGEWICHT: HORT ALS "ANHÄNGSEL" DER SCHULE?

Ein zentrales Ergebnis der Studie betrifft das Verhältnis zwischen Hort und Grundschule. Viele Hortmitarbeiter*innen empfinden eine hierarchische Dominanz der Schule. Die Angebote des Hortes werden oft als weniger wertgeschätzt wahrgenommen und nicht als gleichwertiger Teil des Bildungsweges anerkannt.

Dieses „Status-quo-Problem“ zeigt sich darin, dass der Hort in der Wahrnehmung vieler Akteure lediglich als Betreuungsinstanz oder „Erfüllungsgehilfe“ fungiert, während der eigenständige sozialpädagogische Bildungsauftrag in den Hintergrund rückt. Diese fehlende Augenhöhe erschwert die Entwicklung gemeinsamer pädagogischer Konzepte, die für einen qualitativ hochwertigen Ganztag unerlässlich wären.


Abbildung 2: Zustimmungen zu Kategorien der Zusammenarbeit zwischen Leitungsebenen von Hort und Schule in %
Abbildung 2: Zustimmungen zu Kategorien der Zusammenarbeit zwischen Leitungsebenen von Hort und Schule in %

RESSOURCENMANGEL: WO DRÜCKT DER SCHUH AM MEISTEN?

Neben den strukturellen Kommunikationsproblemen identifiziert die Studie den Mangel an Ressourcen als das größte Hindernis für eine gelingende Ganztagsbetreuung. Drei Bereiche stehen dabei im Vordergrund:

  1. Personalnot: Fachkräfte berichten von einer hohen Belastung durch zu große Gruppen. Der Wunsch nach einem besseren Personalschlüssel und flexibleren Arbeitszeitmodellen ist allgegenwärtig, um den Bedürfnissen der Kinder gerecht zu werden.

  2. Raumnot: Die räumliche Ausstattung vieler Einrichtungen ist nicht kindgerecht. Es fehlen Rückzugsorte für Kinder und flexibel nutzbare Räume für kreative oder sportliche Angebote. Ein hoher Lärmpegel wird zudem als dauerhafter Belastungsfaktor beschrieben.

  3. Fehlende Wertschätzung: Nicht nur das Verhältnis zur Schule, auch die Zusammenarbeit mit den Erziehungsberechtigten wird oft als schwierig erlebt. Eltern werden häufig als fordernd, aber wenig wertschätzend wahrgenommen, was die Profession zusätzlich unter Druck setzt.


WAS MUSS SICH ÄNDERN? ERWARTUNGEN AN DIE ZUKUNFT

Aus den Ergebnissen lassen sich klare Forderungen für die Weiterentwicklung des sächsischen Hortes ableiten. Die Befragten wünschen sich eine tiefgreifende Reform der Rahmenbedingungen, um den Hort als gleichwertigen Partner im Ganztag zu etablieren.

 

Zentrale Forderungen der Fachkräfte:

  • Strukturelle Verzahnung: Eine einheitliche Ganztagskonzeption mit klaren Zuständigkeiten und festen Vorbereitungszeiten für die Kooperation zwischen Schule und Hort.

  • Investitionen in Qualität: Eine bedarfsgerechte personelle und räumliche Ausstattung, die individuelle Förderung und Partizipation der Kinder ermöglicht.

  • Gesellschaftliche Aufwertung: Der Hort muss als eigenständige sozialpädagogische Bildungseinrichtung anerkannt und entsprechend finanziert werden.

  • Gezielte Aufklärung: Ministerien und Träger müssen die Fachkräfte aktiv in den Prozess der Umsetzung des Rechtsanspruchs einbinden und transparent informieren.


Abbildung 3: Zustimmungen zu Kategorien der Zusammenarbeit zwischen den Teams von Hort und Schule in %
Abbildung 3: Zustimmungen zu Kategorien der Zusammenarbeit zwischen den Teams von Hort und Schule in %

FAZIT: DEN GANZTAG GEMEINSAM GESTALTEN

Der Weg zum Rechtsanspruch 2026 ist für das sächsische Kooperationsmodell zwischen Grundschule und Hort eine Chance, erfordert aber Mut zu strukturellen Veränderungen. Nur wenn die Kooperation auf Augenhöhe stattfindet und die notwendigen Ressourcen bereitgestellt werden, kann der Ganztag mehr sein als eine bloße „Institutionalisierung der Kindheit“. Es gilt, den Hort nicht länger als reinen Freizeitort zu betrachten, sondern als unverzichtbaren Bildungsraum, der Kinder in ihrer Ganzheitlichkeit fördert.


 

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