Zirkuspädagogik im Ganztag – Freizeitspaß oder effektives Lernangebot?

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Von Nadine Hengst & Lisa Schomburg (Artistik Schulprojekt e.V.)


Was ist gute Bildung? Ein Begriff im Wandel, zu dem wir uns diese Frage regelmäßig stellen müssen. Mit unserer zirkuspädagogischen Tätigkeit möchten wir Teil einer komplexen Antwort sein. Für uns zählt nicht nur das Wiedergeben von gelernten Inhalten, sondern auch ein selbstbewusster und kritischer Umgang mit Wissen und den eigenen Fähigkeiten.


WAS IST ZIRKUSPÄDAGOGIK?

Die Zirkuspädagogik basiert auf dem demokratischen Grundgedanken und lehnt sich nach Kiphard (1997) an die Erlebnispädagogik, wobei das spielerische Erlernen ohne Leistungsdruck im Fokus der individuellen, persönlichen und sozialen Entwicklung steht. Eine andere Definition nach Müller (1989) deutet die Zirkuspädagogik in Richtung der Kulturpädagogik. Individuelle Förderung entsteht durch „das Erleben und Beherrschen-Können von künstlerisch-handwerklichen Techniken als individuelle Ausdrucksmöglichkeit, zweitens das Aufbereiten, Erfahren, Erkennen und Bestimmen von Lebens-Wirklichkeit“ (ebd. S.13). Somit haben die Schüler*innen die Möglichkeit Bewegung neu zu entdecken, da hier neue und unbekannte Materialien verwendet werden, deren Bewegungsabläufe nicht gänzlich vorgeschrieben oder stigmatisiert sind, wie bspw. im Gerätturnen. Ohne den Leistungsaspekt können sie ihre Bewegungsfreue und auch ihre Mittschüler*innen in einem neuen Setting kennenlernen. Die Bewegungsfreude und Kooperation kann durch den Trainer*in gezielt initiiert werden, indem systematische Übungsreihen, rhythmische und kreative Spiele, sowie Kooperationsspiele vorgegeben werden. Das stetige Üben und kreative Ausarbeiten von Vorführungen hat einen großen Stellenwert und wird durch kleine, auf Freiwilligkeit basierende „Showings“ am Ende des Trainings vor der Trainingsgruppe angeregt.

Unser Material – Ein echter Hingucker

Die Ziele und Förderaspekte sind in der Zirkuspädagogik weit gefächert:

  • Kooperation und Kommunikation

  • Ausdauer

  • Geduld

  • Frustrationstoleranz

  • koordinative Fähigkeiten

  • Fantasie

  • Wahrnehmung

  • etc.

Die Schüler*innen wählen in den freien Übungszeiten ihr Requisit, wie auch ihre Partner*innen selbst. Somit wählen sie ebenfalls die Anforderungen an sich selbst. Erfahrungsgemäß wird dabei die Herausforderung an sich selbst immer wieder neu gesucht.


WAS IST GUTE BILDUNG?

Die Definition der guten Bildung ist im stetigen Wandel. Das 4K-Modell von Fadel, Bialik und Tilling (2017) führt hierzu das Lernen in den Bereichen Kreativität, kritisches Denken, Kollaboration und Kooperation auf. Hiermit weisen sie darauf hin, dass ein neuer Umgang mit Wissen und Wissenserwerb im Vordergrund steht. Weg vom klassischen Auswendiglernen als Einzelkämpfer, hin zu schneller Informationsbeschaffung und Zusammenarbeit mit anderen. Um dies zu gewährleisten, benötigt der Einzelne einen großen Fundus an sozialen Kompetenzen, sowie dem Umgang mit Misserfolg und einem positiven Selbstbild. Daher sind positive Demokratieerfahrungen und ein Gemeinschaftsgefühl basierend auf gemeinsamen Werten unerlässlich. Im Schulalltag diese Ziele zu erreichen, bedeutet den Schüler*innen Selbst- und Sozialkompetenzen zu vermitteln und diese auf der Stufe der aktuellen Entwicklung zu fördern.


Hier ist Teamwork gefragt: Stehen auf der Kugel

WIE IST DER ZIRKUSKURS AUFGEBAUT UND WAS KANN DIESER ZUM NEUEN BILDUNGSBEGRIFF BEITRAGEN?

Die Zirkuspädagogik ist ein möglicher Weg, genau die Ziele des neuen Bildungsbegriffs umzusetzen. In unseren Angeboten können die Teilnehmer*innen fachliche Fähigkeiten erwerben, wie beispielsweise jonglieren, Diabolo spielen, Einrad fahren, Pyramiden bauen und vieles mehr. Vielmehr lernen sie dabei aber allein oder in der Gruppe an einem gemeinsamen Ziel zu arbeiten, sich selbst und gegenseitig zu motivieren, durchzuhalten, Kritik wertschätzend zu äußern und diese auch anzunehmen, Kompromisse einzugehen. Artistik bietet zahlreiche Möglichkeiten abseits von Leistungsorientierung. Das heißt aber dennoch, dass unser Unterricht zunächst mit einem verpflichtenden Vermittlungsprozess und engen Verhaltensregeln beginnt. Daran anschließend können demokratische Strukturen aufgebaut und freie Lernformen initiiert, ausgeweitet und begleitet werden.

Dabei steht nicht immer nur das Ergebnis (z.B. eine Aufführung) im Vordergrund, sondern insbesondere auch der Prozess bei der Umsetzung einer kreativen Bewegungsaufgabe. Im Anschluss an eine Phase der Vermittlung von Fachwissen könnte solch eine Bewegungsaufgabe lauten: „Baut eine Pyramide, in welcher mindestens eine Person mit mindestens einem Gegenstand jongliert.“ Hierbei können verschiedene Parameter verändert werden, sodass die Aufgabe komplexer wird. Die Anzahl der Lösungen scheint unendlich. Am Ende des Prozesses steht keine eindeutige Lösung, sondern ein Weg, auf welchem die Teilnehmer*innen jeweils die oben genannten Selbst- und Sozialkompetenzen erweitert haben.

Um diesen Bildungsprozess zu ermöglich sind uns in Kooperation mit Schulen eine Kommunikation auf Augenhöhe, Zuverlässigkeit, Verständnis und Offenheit für die jeweils andere Organisation, sowie ein gegenseitiges Vertrauen in die Kompetenzen des anderen wichtig.


Unsere Angebote enden mit einem großen Finale

WARUM ZIRKUS IM GANZTAGSANGEBOT?

Das Angebot im Nachmittagsbereich bietet die Möglichkeit für die Schüler*innen einen festen Trainer*in zu haben. So kann ein kontinuierliches Training gewährt und eine Vertrauensbasis aufgebraut werden. Denn durch ständigen Beziehungsabbruch, wie sie bei Workshops und einmaligen Events entstehen kann keine Progression stattfinden. Dahingegen bildet das Ganztagsangebot eine feste Konstante im Alltag der Schüler*innen. Diese kann in das Schulleben integriert werden, indem auf Schulfesten, Elternnachmittagen etc. Aufführungen stattfinden. Dies bereichert die Veranstaltung und gibt den Schüler*innen neue Motivation und Ziele im Training.

Seit 2011 bieten wir deshalb im Rahmen von Ganztagsangeboten in Leipzig und Umgebung verschiedene Formate an:

  • regelmäßige Kurse im Wahlpflicht- und Pflichtkanon

  • freiwillige Angebote am Nachmittag

  • Projekttage für Schüler*innen der 1.-8. Klasse, als ganze Klasse oder in Teilgruppen.

Darüber hinaus bieten wir auch außerschulische Formate an, wie zum Beispiel Fortbildungen für Pädagog*innen und Ferienfahrten.

Wir sind Mitglied im Ganztagsschulverband e.V Landesverband Sachsen, um uns für genau diese Ziele auch außerhalb unseres Wirkungsspektrums zu engagieren und mitzugestalten.


KONTAKT

Artistik Schulprojekt e.V.

Dufourstraße 38

04107 Leipzig

E-Mail: team@artistik-schulprojekt.de


INFORMATION/ANGEBOTE

Website: www.artistik-schulprojekt.de

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Instagram: instagram.com/artistikschulprojekt


LITERATUR:


Fadel, C; Bialik, M; Tilling, B (2017): Die vier Dimensionen der Bildung – Was Schülerinnen und Schüler im 21. Jahrhundert lernen müssen. Hamburg: ZLL21 e.V.


Kiphard, E (1997): Pädagogische und therapeutische Aspekte des Zirkusspiels. In: Zirkuspädagogik. Grundsätze - Beispiele - Anregungen; eine Dokumentation anlässlich des Internationalen Kinder-Jugend-Circus- & -Theaterfestivals in Hamburg, 1997, hg. Jörg W. Ziegenspeck Lüneburg S. 14-19.


Müller, E (1989): Manegenzauber. Kinder spielen Zirkus. München. Don Bosco Verlag.