Pausenkonzepte an Schulen mit Ganztagsangeboten

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Das freie Spiel ist eine wichtige Quelle unreglementierter Erfahrungen.

von Chris Bea Becker


Schulentwicklung – Wenn wir diesen Begriff hören, kommt uns zuerst die Verbesserung des Unterrichts, des Lehrens und Lernens in den Sinn. Doch spätestens seit der Etablierung des Ganztags rückt ein weiterer Bereich in den Fokus: die Freizeit. Wenn sich Schüler*innen viele Stunden lang in der Schule wohlfühlen sollen, haben Freizeit und Entspannungsphasen eine große Bedeutung.

Dieser Beitrag stellt die Pausen in den Mittelpunkt. Sie sind entscheidend für die Rhythmisierung des Tages und bieten den Kindern und Jugendlichen die Möglichkeit, sich zwischen den Unterrichtsstunden zu entspannen. Dabei unterscheidet die Osnabrücker Forschungsgruppe verschiedene Formen der Pause: Für ein Pausenkonzept weniger relevant sind Minipausen (während des Unterrichts), kleine Pausen von drei bis zehn Minuten (z.B. für Raumwechsel) sowie große Pausen. Eine solche dauert 15 bis 30 Minuten. Allerdings reicht die Zeit kaum aus, um Essen, Kommunikation, Spiel und Ruhe zugleich zu gewährleisten – ein wirkliches Konzept kann in dieser Zeit kaum umgesetzt werden. Gleichzeitig sind diese großen Pausen aber wichtig, damit Schüler*innen den gesamten Tag in der Schule verbringen und gut lernen können (vgl. Osnabrücker Forschungsgruppe 2016, S. 29ff.).


EINE LÖSUNG: DIE MITTAGSFREIZEIT Mit Hilfe einer vielfältig gestalteten Mittagsfreizeit können Schüler*innen bessere Leistungen erbringen und sind aufmerksamer. Bewegung an frischer Luft steigert die Konzentration, senkt den Stresspegel und hilft, konzentrierter und motivierter zu arbeiten (vgl. ebd., S. 43f.).

Eine „Mittagsfreizeit“ (ebd., S. 31) sollte 60 bis 90 Minuten umfassen und zwischen 12:00 Uhr und 14:30 Uhr liegen. Gerade in dieser Phase verlangt der natürliche Biorhythmus der Schüler*innen - auch bekannt als „Mittagstief“- nach Entspannung (vgl. Durdel 2006, S. 171).

Gleichwohl benötigt die Mittagsfreizeit ein Konzept. Wird sie einfach nur als Pause genutzt, ist sie den Kindern und Jugendlichen zu lang – der Schultag wird so nur noch weiter ausgedehnt (vgl. Verlemann 2015, S. 108).

Bei der Planung und Umsetzung eines Pausenkonzepts sollte unbedingt darauf geachtet werden, dass es Kindern und Jugendlichen die Möglichkeit bietet, Angebote entsprechend ihrer Interessenslagen, Bedürfnisse und ihres Alters zu wählen, sich dafür oder bewusst dagegen entscheiden zu können. Das Konzept sollte einer tatsächlichen freien Zeit ähneln. Das heißt, dass die Schüler*innen eigenverantwortlich über ihr Tun entscheiden und dabei lernen, ihre Zeit sinnvoll einzuteilen.

Dabei sollte sowohl gebundene als auch ungebundene Freizeit eingeplant werden. Als gebundene Freizeit versteht sich das klassische Ganztagsangebot, welches von einem/r Kursleiter*in geführt wird und eine verbindliche Anmeldung erfordert. Ungebundene Freizeit dagegen meint, dass die Kinder und Jugendlichen tun dürfen, worauf sie Lust haben. Sie können mit ihren Mitschüler*innen über den Pausenhof toben, sich an einem ruhigen Ort ausruhen oder Spiele ausleihen, welche sie eigenverantwortlich nutzen. Auch das freie Spiel kann informelles Lernen stützen und die eigenen Belastungsgrenzen erkennen lassen, wobei die Kinder und Jugendlichen gleichzeitig entspannen (vgl. Durdel 2006, S. 172ff.). Didaktisierte Kurse dagegen sollten eine Ausnahme bleiben, Leistungsdruck ist ein absolutes „No-Go“ (vgl. Osnabrücker Forschungsgruppe 2016, S. 33f.).


Literaturtipp: Schüler werden Pausenhelfer

RÄUME FÜR VIELE MÖGLICHKEITEN

Um ein Pausenkonzept umzusetzen, bedarf es einiger Vorüberlegungen. Zunächst ist zu klären, welche Orte und Räume genutzt werden können. Pausenhof und Mensa sind dabei selbstverständlich und gleichzeitig gibt es zahlreiche weitere Optionen in jeder Schule. Es ist bspw. eine Überlegung wert, die Klassenräume offen zu lassen. Dorthin können sich jene Schüler*innen zurückziehen, die Raum für sich brauchen. Rückzugsmöglichkeiten sind für einige Kinder und Jugendliche enorm wichtig. Aber auch Angebote können hier stattfinden.

Zusätzlich bieten Turnhallen ergänzend zum Hof Platz für Sport, in der Bibliothek können Schüler*innen lesen, Musik- oder Kunsträume eignen sich perfekt, um sich künstlerisch zu betätigen. Für naturwissenschaftlich Interessierte findet sich Platz in Räumen mit entsprechender Ausstattung. An Computern, Tischtennisplatten, vielleicht sogar auf einer Bühne usw. können die Kinder und Jugendlichen sich ganz individuell für die Gestaltung ihrer Pause entscheiden. Förderangebote allerdings sind in den Pausen unerwünscht (vgl. Höhmann 2005, S. 151f.).

Beim Mittagessen stellt sich die Frage, wie sinnvoll es ist, dieses gemeinsam (z.B. als Klasse) zu beginnen und zu beenden. Manch eine/r braucht länger für seinen/ihren Auflauf, ein/e andere/r möchte lieber auf den Schulhof. Dass es einen zeitlichen Rahmen geben muss, steht außer Frage. Gleichwohl ist die Öffnung der Essenszeit in Anbetracht der vielfältigen Bedürfnislagen der Kinder und Jugendlichen durchaus sinnvoll. Sind die Möglichkeiten gegeben, kann z.B. ein größerer Zeitrahmen für das Essen angeboten werden, sodass die Schüler*innen entscheiden können, wann sie ihn nutzen möchten. Eine zusätzliche Cafeteria, die womöglich sogar dauerhaft geöffnet ist, erlaubt es, sich zwischendurch einen Snack zu holen und ihn an einem selbst gewählten Ort zu essen (vgl. Weide/Reh 2010, S. 271ff.).


ENTLASTUNG DURCH BETEILIGUNG

Wenn es um die Gestaltung der Pause geht, ist Partizipation ein Grundsatz. Die Schüler*innen sollten die Möglichkeit haben, ihre Interessen zu äußern und aktiv mitzugestalten. Kinder und Jugendliche können eine große Hilfe sein, indem sie echte Aufgaben übernehmen. Stefan Verlemann u.a. entwickelten dafür das Pausenhelfer-Konzept: Schüler*innen betreuen freiwillig und selbstständig gebundene und ungebundene Angebote (auch Projekte) und führen sie durch, nachdem sie dafür ausgebildet wurden. Bewährt hat sich, dafür eine AG ins Leben zu rufen. In dieser können sich die Schüler*innen mit einer Lehrkraft vor- und nachbereiten und so ihre Aufgaben und Erfahrungen ohne Stress besprechen. Hierunter fallen auch Vorkommnisse während der Mittagsfreizeit. Konkrete Inhalte oder eine festgelegte Dauer für diese Ausbildung gibt es deshalb nicht – sie sollte vor allem praxisnah sein. Dazu gehören eine Feedback-Runde, die Planung der kommenden Angebote, das Aufräumen und Ähnliches sowie, falls dafür genügend Zeit bleibt, Spielrunden. In der Arbeitsgruppe ist es weniger wichtig, wie sie organisiert wird, sondern dass sie in regelmäßigen Abständen und außerhalb der Pausen stattfindet.

Die Aufgaben und Verantwortlichkeiten, die Schüler*innen übernehmen können, sind vielfältig: die Überwachung der sorgsamen Ausleihe von Medien, ein sportliches, kreatives oder naturwissenschaftliches Angebots selbst anleiten, die Betreuung von Ruheräumen usw. Um anfallende Herausforderungen der Helfer*innen gut zu bewältigen, bereiten sie ihr Angebot oder die von ihnen übernommene Aufgabe regelmäßig mit einer Lehrkraft vor und nach (vgl. Verlemann 2015, S. 109ff.).


"ABER MAN KANN DIE SCHÜLER*INNEN DOCH NICHT VÖLLIG UNBEAUFSICHTIGT LASSEN!"

Selbstverständlich herrscht die Aufsichtspflicht der Lehrer*innen nach wie vor. Das bedeutet gleichwohl nicht, jede/n Schüler*in in jeder Minute im Auge behalten zu müssen – selbst ohne die Mittagsfreizeit wäre das unmöglich. Außerdem ist eine permanente Kontrolle nicht hilfreich. Kinder und v.a. Jugendliche brauchen unbeobachtete Momente und können auf große Strenge und ständige Kontrolle mit Aggression oder Rückzug reagieren. Dennoch müssen die Angebote der Pausenhelfer natürlich beaufsichtigt werden. Dafür wird eine Lehrkraft gewählt, welche im Wechsel alle Angebote besucht. Außerdem sollte eine Liste mit den Lehrer*innen, welche die Pausenaufsicht führen, zugänglich gemacht werden, um im Notfall immer eine/n Ansprechpartner*in zu haben (vgl. ebd., S. 114f.).

Um die pädagogischen Fachkräfte bei der allgemeinen Pausenaufsicht und der Umsetzung eines Pausenkonzepts zu unterstützen, kann die Einführung der sogenannten „Pausenengel“ hilfreich sein. Entwickelt u.a. von Martina Vogel, sollen sie die Lehrkräfte bei der Aufsicht entlasten. Nach einer Ausbildung lösen Schüler*innen kleinere Probleme auf dem Hof und melden größere den Lehrer*innen. Sie helfen z.B. Jüngeren beim Zuknöpfen einer Jacke, halten den Hof sauber und vermitteln bei kleineren Streitereien (Stichwort Gewaltprävention). Jedoch halten sie sich aus gewaltsamen Ausschreitungen heraus. Dabei geht es darum, dass Schüler*innen Verantwortung übernehmen und soziale Kompetenzen erlernen. Das Lehrpersonal sollte den Schüler*innen Freiraum lassen, sich zu entfalten, ohne fortwährend einzuschreiten und ständig zu warnen. Inwiefern weiteres Personal wie Betreuer*innen, zusätzliche Schülerhelfer*innen, Ehrenamtliche oder Schulsozialarbeiter*innen hinzugezogen werden können, hängt von der jeweiligen Schule ab. Hilfreich für die Umsetzung ist der im Literaturverzeichnis aufgeführte Band (vgl. Vogel 2016, S. 7ff.).


LITERATURVERZEICHNIS


Boltz, M. (2006): Den ganzen Tag Schule, wo bleibt da der Spaß? In: Höhmann, K./Holtappels, H. G. (Hrsg.): Ganztagsschule gestalten: Konzeption - Praxis – Impulse. Seelze: Kallmeyer u.a., S. 154-169.


Durdel, A. (2006): Zeit für mehr – Freizeit, Entspannung und Spiel. In: Höhmann, K./Holtappels, H. G. (Hrsg.): Ganztagsschule gestalten: Konzeption - Praxis – Impulse. Seelze: Kallmeyer u.a., S. 170-180.


Höhmann, K. (2005): Pause. In: Demmer, M./Eibeck, B./Höhmann, K./Schmerr, M./Albrecht, A. (Hrsgg.): ABC der Ganztagsschule: Ein Handbuch für Ein- und Umsteiger. Schwalbach/Ts: Wochenschau-Verlag, S. 150-151.


Osnabrücker Forschungsgruppe (2016): Mittagsfreizeit an Ganztagsschulen. Theoretische Grundlagen und empirische Befunde. Wiesbaden.


Verlemann, S. (2015): Die Pausenhelfer – ein Konzept für den Weg von der Mittagspause zur Mittagsfreizeit. In: Maschke, S./Schulz-Gade, G./Stecher, L. (Hrsg.): Jahrbuch Ganztagsschule 2015. Potenziale der Ganztagsschule nutzen. Schwalbach/Ts., S. 106-117.


Verlemann, S./Zilske, T. (2010): Schüler werden Pausenhelfer. Ein Konzept für die Mittagsfreizeit in der Ganztagsschule. Mülheim, Ruhr: Verl. an der Ruhr.


Vogel, M. (2016): Einsatz des Projektes „Pausenengel“ in der Ganztagsschule. In: Maschke, S./Schulz-Gade, G./Stecher, L. (Hrsg.): Jahrbuch Ganztagsschule 2016. Wie sozial ist die Ganztagsschule? Schwalbach/Ts., S. 139-154.


Weide, D./Reh, S. (2010): Freizeit in der Schule ist doch gar keine freie Zeit – oder: Wie nehmen Kinder ihre Zeit in der Ganztagsschule wahr? In: Heinzel, F./Panagiotopoulou, A. (Hrsg.): Qualitative Bildungsforschung im Elementar- und Primarbereich. Baltmannsweiler, S. 259-275.